Zum Inhalt springen

Eine russische Rekrutenaushebung

Übersetzung von Wilhelm Henckel, 1894.

Als ich anfangs November durch Tula kam, sah ich vor dem Rathause eine mir sehr bekannte Menschenmenge stehen, und in dem Lärm, den sie verursachte, vernahm sich die Stimmen von Betrunkenen und dass Wehklagen von Müttern und Ehefrauen. Es war eine Sitzung der Militär-Ersatzkommission, die hier stattfand.

An einer solchen Szene gehe ich nie vorüber, ohne ein wenig zu verweilen; es ist, als ob mich eine Zauberkraft festhält. Auch diesmal ging ich mitten ins Menschengewühl, um zu sehen, was da vorgeht, um die Leute zu befragen, und ich staunte über die Dreistigkeit, mit der man am hellen Tage und mitten in der Stadt eine so große Missethat verübt.

Wie alljährlich, hatten auch diesmal die Dorfältesten in allen Ortschaften unseres Hundertmillionenreichs die in ihren Listen verzeichneten Männer, darunter auch ihre eigenen Söhne, versammelt, um sie in die Städte zu führen. Unterwegs wurde getrunken, und die Alten hinderten die jungen Männer nicht daran; denn um sich einer so unvernünftigen Prozedur zu unterwerfen, die keinen andern Zweck hat, als eine willenlose Waffe der Zerstörung zu schaffen, Frauen, Mütter und alles, was einem lieb ist, zu verlassen, ohne sich durch Branntwein zu betäuben, wäre doch gar zu grausam. In Schlitten kamen sie angefahren, sie schimpften, fluchten, sangen, stießen sich gegenseitig und brachten die ganze Nacht in den Kneipen zu. Am frühen Morgen leerten sie wieder einige Gläser Schnaps, um sich Mut anzutrinken, und dann versammelten sie sich vor dem Rathaus.

Hier stehen sie nun, mit neuen Schafpelzen bekleidet, den Hals mit gestrickten Wollenschärpen umwickelt; ihre Augen sind vor Trunkenheit geschwollen. Einige stoßen, um sich zu betäuben, ein wildes Geheul aus, andere sind still und traurig. Von ihren weinenden Frauen und Müttern umgeben, drängen sie sich vor der Thür, bis ihre Reihe kommt. Eine Anzahl steht zusammengepfercht im Flur des Aushebebureaus.

Unterdessen geht die Arbeit in diesem Bureau rasch vorwärts. Man öffnet die Thür, und der Thürhüter ruft Pjotr Ssidorow. Dieser fährt zusammen, bekreuzt sich und tritt durch die Glasthür in eine kleine Kammer, wo sich die Rekruten entkleiden. Pjotr Ssidorows Kamerad, den man als diensttauglich erklärt hatte, tritt nackt und zähneklappernd aus dem Sitzungssaal und zieht sich hastig an. Ssidorow wußte es und konnte es seinem Kameraden auch ansehen, daß man ihn assentiert hatte, wollte ihn aber noch befragen; man bedeutete ihm jedoch, daß er sich sputen solle. Er legte seinen Schafpelz ab, zog seine Stiefel und dann die Weste aus, stülpte das Hemd über den Kopf und betrat nun, nackt und mager (man konnte seine Rippen zählen), am ganzen Leibe zitternd und nach Branntwein, Tobak und Schweiß duftend, den Sitzungssaal.

Hier, an sichtbarer Stelle, befand sich im Goldrahmen das Bildnis des Kaisers, abgebildet in Paradeuniform und mit einem breiten Ordensband; ein kleines Bild Christi, im Hemd und mit Dornen gekrönt, hing im Winkel. Mitten im Saal stand ein mit grünem Tuch bedeckter Tisch, auf dem Papiere lagen, und ein dreieckiges Gestell, mit dem vergoldeten Reichsadler darauf, das man den Gerichtsspiegel nennt.

Rings um den Tisch saßen ruhig und gleichgültig die Mitglieder der Ersatzkommission; einer von ihnen rauchte eine Cigarette, ein anderer blätterte in den Akten.

Als Ssidorow eintrat, näherte sich ihm ein Bureaudiener, stellte ihn unter den Maßstock, stieß ihm gewaltsam das Kinn in die Höhe und richtete ihm die Füße zurecht. Dann trat der Mann mit der Cigarette auf ihn zu – es war der Arzt –, befühlte, anscheinend mit Ekel, seinen Körper, maß und beklopfte ihn, ließ ihm durch den Diener den Mund öffnen und befahl ihm, zu atmen und zu sprechen. Das Resultat dieser Untersuchung wurde aufgeschrieben. Endlich war der Arzt fertig, sagte, ohne den Konskribierten eines Blickes zu würdigen: „Gut, ein anderer!“ und setzte sich dann, gelangweilt, nieder.

Der Bureaudiener stieß und trieb nun den jungen Mann vorwärts. Dieser wollte eilig sein Hemd anziehen, konnte aber die Ärmellöcher nicht gleich finden; dann knüpfte er schnell seine Hosen zu, zog die Stiefel an, suchte seine Halsschärpe, raffte den Pelz auf und wurde nun wieder in den Sitzungssaal geführt, wo er, durch eine Bank von den Beamten getrennt, mit den anderen Diensttauglichen warten mußte. Ein mit einer Bajonettflinte bewaffneter Soldat, früher ein eben solcher Bauer wie Pjotr Ssidorow, nur aus einer entfernteren Provinz, bewachte ihn und war beauftragt, ihn zu durchbohren, falls er zu entfliehen versuchen sollte.

Unterdessen drängten sich die Väter, Mütter und Eheweiber, von den Polizeisoldaten hin- und hergestoßen, vor der Thür, um angstvoll wartend zu erfahren, wer von ihren Angehörigen als dienstfähig erklärt und wer freigesprochen wurde. Ein Entlassener trat heraus und berichtete, daß Pjotr Ssidorow Soldat werden muß: in demselben Moment schrie dessen junges Weib laut auf – diese Nachricht bedeutete für sie eine vier- bis fünfjährige Trennung; das Los eines von ihrem Manne getrennten Soldatenweibes ist·– harte Dienstbarkeit oder Unzucht.

Nun kam ein Mann mit langem Haar und in einer Tracht, die ihn von den übrigen unterscheidet, angefahren; er näherte sich der zum Rathaus führenden Thür, und der Polizeisoldat drängte die Menge zurück, um ihm Platz zu machen. Es war der Batjuschka, der Geistliche, welcher die Rekruten vereidigt. Dieser Priester, dem man eingeredet hat, daß er der spezielle und ausschließliche Diener Christi sei, und der die ihn umgebende Lüge meist selbst nicht wahrnimmt, betritt nun den Sitzungssaal, wo die Rekruten ihn erwarten. Er legt sein Oberkleid ab und hüllt sich in ein prachtvolles Ornat, streicht sein langes Haar zurecht, nimmt das Kreuz und das nämliche Evangelienbuch, welches das Verbot des Schwörens enthält, legt beides auf ein Pult, und nun müssen alle diese unglücklichen, schutzlosen und betrogenen jungen Leute die gewohnheitsmässig und mit fester Stimme von dem Priester vorgesagte Lüge nachsprechen: ,,Ich gelobe und schwöre bei Gott dem Allmächtigen und vor seinem heiligen Evangelium u.s.w. …“, alle diejenigen zu verteidigen, die man mir bezeichnen wird, und alles das zu thun, was mir Männer anbefehlen, die ich nicht kenne und die mich brauchen, um meine Brüder zu unterdrücken; Männer, die Verbrechen begehen, um sich in den von ihnen eingenommenen Stellungen zu erhalten.

Stumpfsinnig sprechen die Rekruten diese barbarischen Worte nach. Dann entfernt sich das angebliche „Väterchen“ mit der Überzeugung, seine Pflicht gewissenhaft und korrekt erfüllt zu haben, und die betrogenen jungen Leute glauben vertrauensvoll, daß die soeben von ihnen hergesagten albernen und unverständlichen Worte sie während ihrer ganzen Dienstzeit von jeglicher Menschenpflicht entbunden und ihnen dagegen neue und strengere Soldatenpflichten auferlegt haben.

Und solche Dinge geschehen öffentlich; niemand ist da, der den Betrügern und den Betrogenen zuruft: ‚Überlegt doch, was ihr thut; es ist ja eine Lüge, die abscheulichste, perfideste Lüge, die nicht nur euren Leib, sondern auch eure Seele zu Grunde richtet!‘

Niemand thut es. Im Gegenteil, nachdem diese Prozedur beendet ist, tritt der Oberst in den Saal, wo die Rekruten eingesperrt sind, und ruft ihnen, gleichsam um sie zu verhöhnen, zu: ,,Willkommen, ihr Burschen! Ich gratuliere euch, daß ihr nun in den Dienst des Kaisers getreten seid!“ Und diese Unglücklichen lallen mit ihren von der vorhergegangenen Völlerei noch schweren Zungen eingelernte Worte, die ihre Befriedigung ausdrücken sollen.

_____

Draußen vor der Thür wartet die Menge der Verwandten immer noch. Mit rotgeweinten Augen starren die Weiber nach der Thür hin. Endlich wird sie geöffnet, und die künftigen Soldaten treten schwankend, aber anscheinend gefaßt heraus. Sie vermeiden jedoch, ihre Verwandten anzublicken.

Nun geht das Jammergeschrei der Mütter und Weiber abermals los. Einige werfen sich ihren Angehörigen um den Hals und schluchzen, andere suchen ihre Fassung zu bewahren, noch andere trösten die Klagenden. Mütter und Weiber wissen nun, daß sie drei, vier und fünf Jahre lang ihrer Stützen beraubt, verlassen sind, und sie wehklagen laut. Die Väter murmeln traurig und seufzen oder schweigen; sie wissen, daß sie ihre Gehilfen als solche schwerlich wiedersehen werden; denn wenn sie auch wiederkehren, so sind das nicht mehr ihre willigen, arbeitsamen Gehilfen, sondern liederliche, vom einfachen Landleben entwöhnte Schlingel.

Schließlich besteigen alle ihre Schlitten und fahren wieder zu den Wirtshäusern und Branntweinschenken. Das trunkene Geschrei, das Singen, das Weinen und Jammern der Mütter und Weiber wird ärger, die Töne der Ziehharmonika und das Fluchen der Männer gesellt sich hinzu. Das Saufgelage, in welchem diese Opfer der Ungerechtigkeit ihr Gefühl betäuben, beginnt, und in den Kneipen, deren gesteigerter Umsatz die Branntweinaccise und damit die Einkünfte der Regierung vermehrt, wird der letzte Groschen vertrunken.

Dann geht die Fahrt wieder nach Hause; hier verbringen die Rekruten noch zwei bis drei Wochen fast beständig im Rausche; eines schönen Tages aber treibt man die ganze Herde zusammen, und der militärische Lehrkurs beginnt.

Die Lehrmeister sind ebensolche Bauern, wie die Lehrlinge, nur mit dem Unterschied, daß jene schon seit zwei bis drei Jahren betrogen und den Tieren ähnlich geworden sind. Die Unterrichtsmittel sind Lüge, Roheit, Branntwein und Schläge. Bevor noch ein Jahr vergeht, sind Körper und Geist der jungen, gesunden Leute ebenso vertiert, wie die ihrer Lehrmeister.

„Wenn nun Dein Vater, den man festgenommen hat, entfliehen wollte, was würdest Du dann thun?“ fragte ich einen jungen Soldaten.

„Ich würde ihn mit meinem Bajonett durchbohren!“ antwortete er stumpfsinnig und roh, wie ein Soldat. „Und wenn er entwischt, dann muß ich auf ihn schießen!“ fügte er noch hinzu, stolz auf die Kenntnis dessen, was er zu thun hat, wenn sein Vater entfliehen würde. Ist nun der gute Junge tiefer als das wilde Tier gesunken, dann ist er so, wie ihn diejenigen brauchen, die ihn als Werkzeug ihrer Gewalt benutzen. Er ist dann fertig, ist verloren, und anstatt seiner ist ein Werkzeug da, welches der Gewalt dient. Und dies alles geschieht in jedem Herbst, überall in ganz Russland, am hellen Tage, mitten in den Städten, mit Wissen und in Gegenwart Aller. Die Bethörung ist aber eine so geschickte, daß niemand sich ihr entziehen kann, obschon jeder die Infamie merkt und sie verabscheut.

Textquelle ǀ Leo N. TOLSTOI: Eine russische Rekrutenaushebung. Übersetzung von Wilhelm Henckel, 1894. In: Leo N. Tolstoi: Das Töten verweigern. Texte über die Schönheit der Menschen des Friedens und den Ungehorsam. Neu ediert von Peter Bürger & Katrin Warnatzsch. (= Tolstoi-Friedensbibliothek: Reihe B, Band 3). 2023, S. 54-58.